Der neue Mann an der Fed-Spitze sagt Nein ...
... und warum die Wall Street ihm gerade nicht glauben will
Mittwochabend, kurz nach 20 Uhr deutscher Zeit. Wenige Stunden zuvor hatte der Dow Jones noch ein frisches Rekordhoch markiert, den dritten Handelstag in Folge. Die Stimmung an der Wall Street war gelöst, fast euphorisch. Zwei Tage vorher hatten Washington und Teheran ein erstes Abkommen verkündet, das den dreimonatigen Krieg im Iran beenden soll. Die Straße von Hormus, durch die ein Fünftel des weltweiten Öls fließt, wird wieder geöffnet. Der Ölpreis war daraufhin um rund 20 Prozent von seinem Jahreshoch gefallen, Gold gab nach, und die Börsen feierten das Ende einer Angst, die sie seit Februar im Griff gehalten hatte.
Dann tritt Kevin Warsh ans Mikrofon. Es ist seine erste Sitzung als Chef der US-Notenbank Fed – über den Wechsel an der Spitze und die offenen Fragen zu seinem Kurs hatte ich vor einigen Wochen geschrieben. Seine Botschaft an diesem Abend lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: nicht so schnell. Innerhalb von Minuten kippte die Stimmung. Der Dow drehte ins Minus, der breite S&P 500 schloss gut ein Prozent tiefer, und am Anleihemarkt schoss die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit über einem Jahr.
Warum sollte dich als Anleger interessieren, was ein Notenbanker an einem Mittwochabend ins Mikrofon sagt? Du kaufst schließlich Aktien oder ETFs, keine Protokolle aus Washington. Die Antwort steckt in einem einzigen Wort: Zinsen. Zinsen sind der Preis des Geldes, und dieser Preis liegt unter jeder Bewertung am Aktienmarkt. Steigen die Zinsen, werfen sichere Staatsanleihen wieder ordentliche Renditen ab – und riskante Aktien müssen mit ihnen konkurrieren. Genau hier setzt die Notenbank den Hebel an: Hält sie die Zinsen oben, wird es für Aktien zäher; senkt sie, bekommen die Märkte Rückenwind. Deshalb hängt an Warshs Tonfall mehr als an mancher Unternehmensbilanz.
Und genau das macht diesen Abend so heikel. Die Börse hatte den Inflationsschock der vergangenen Monate schon abgehakt: Krieg vorbei, Öl fällt, Inflation verschwindet von selbst, also kommen bald die Zinssenkungen. Warsh signalisiert das Gegenteil. Zwei Sichtweisen prallen aufeinander, und sie können nicht beide recht haben.
Stell dir einen Flug vor, der gerade ein Gewitter durchquert hat. Endlich wird es ruhiger, die Passagiere klatschen, der eine oder andere schnallt sich ab und steht auf. Nur der Pilot lässt das Anschnallzeichen an – weil sein Radar weiter vorne noch Turbulenzen zeigt, die von den Fensterplätzen aus niemand sehen kann. Genau diese Szene spielt sich gerade zwischen Börse und Notenbank ab. Die Frage dieser Ausgabe ist nur: Hat der Pilot recht, oder ist er übervorsichtig?
Das erwartet dich heute:
Was Warsh in seiner ersten Sitzung umgebaut hat – und was sein Schweigen bedeutet
Warum dieselbe Fed plötzlich über Zinserhöhungen statt Senkungen spricht
Der Konflikt der Woche: entspannte Börse gegen misstrauische Notenbank
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